Die Erinnerung bewahren

Bei einem Dokumentationsabend zeigten Schüler des Kardinal-von Galen-Gymnasiums, was sie bei einem Besuch in Auschwitz an Eindrücken gesammelt haben. Die Holocaust-Überlebende Eva Weyl berichtete über ihre Zeit im KZ und mahnte, die Geschichte der Judenvernichtung weiterzutragen.
Jugendliche und Erwachsene waren in das vollbesetzte Foyer des Gymnasiums gekommen, um die Schilderungen der Holocaust-Überlebenden Eva Weyl und die Darstellungen der Oberstufenschüler nach ihrem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz vom 16. bis zum 20. Juni 2016 auf sich wirken zu lassen.
Schulleiter Karl Hagedorn unterstrich die Bedeutung solcher Besuche „für unser Bewusstsein und wie wir mit der Geschichte zurecht kommen.“ Dass dahinter auch ein aktueller Bezug steckt, berichteten später Schüler der letzten Abiturklasse, die vor einem Jahr nach Auschwitz gefahren waren. Sie hatten nach der Fahrt Hassmails aus der rechten Ecke erhalten und damals Anzeige gegen Unbekannt gestellt.
Mit der Filmmusik aus „Schindlers Liste“ stimmten Lehrerin Gianna Barazutti (Klavier) und Greta Heine (Geige) in angemessener Form auf den Abend ein, ehe Eva Weyl die kleine Bühne mit dem Tisch und der Leinwand hinter ihr betrat. In den anschließenden gut fünfzig Minuten konnte man fast eine Stecknadel fallen hören, so gebannt verfolgten die Zuhörer die Ausführungen der 81-jährigen Holocaust-Überlebenden.
Ihre Intention sei es, den „jungen Leute die Geschichte aus der NS-Zeit zu erzählen, um zu warnen, dass es nie wieder so eine Zeit und so einem Krieg gibt“ und „etwas zum Nachdenken mitzugeben, dass es nie wieder Auschwitz gibt“.
Jeder von uns ist Zeitzeuge
Bald werde es keine Zeitzeugen mehr geben. „Jeder von euch ist jetzt Zeitzeuge“, mahnte sie die Verantwortung der Anwesenden an, die Geschichte der Judenverfolgung weiterzu-tragen. „Nicht für die Vergangenheit tragt ihr die Verantwortung, aber für die Zukunft.“
Weyl berichtete von der Geschichte ihrer Familie, die 1934 von Kleve aus nach Arnheim flüchtete, wo sie selbst ein Jahr später geboren wurde. „Alles  wurde uns von Hitler genommen, alle Bürgerrechte“, erzählte sie vom Urgroßvater, der ein großes Kaufhaus erbaut hatte, dem Großvater, der Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Goch, Uedem, Weeze und Kalkar gewesen war, dem Onkel, der in die Schweiz floh.
Sie berichtete über die allgemein beginnenden Repression nach der Machtübernahme Hitlers, der Hetze in den Schulklassen, wo jüdische Kinder verhöhnt wurden, der Reichspogromnacht. Und sie unterstrich, dass es sich bei der Judenvernichtung um die systematisch geplante „Industrialisierung von Mord“ in den Konzentrationslagern als „Mordfabriken“ gehandelt habe.
Im Zentrum der Darstellung stand ihre Zeit im Konzentrationslager Westerbork, dass von den Deutschen 1942  als Durchgangslager für die Vernichtungslager wie Auschwitz, Sobibor und Theresienstadt diente.
„Meine Eltern sagten mir, wir ziehen um.“ Damals war sie als sechseinhalb Jahre altes Kind  bis zur Befreiung am 12. April 1945 im Unklaren gelassen worden. „Daher habe ich kein Trauma“, erklärte sie und erwähnte, dass glücklicherweise keiner aus dem familiären Umfeld dort gestorben und ihr Leben mit zwei Kindern und fünf Enkeln weitergegangen sei.
Westerbork sei das einzige als „Dorf“ konzipierte Lager gewesen, wo es Kabarett, ein Krankenhaus, eine Schule und eine Synagoge gegeben habe. Es wurde zwar keiner erschossen, aber insgesamt sei das alles nur „ein schöner Schein“ gewesen, unterstrich Weyl. Denn man habe in Latrinen ohne Privatsphäre seine Notdurft verrichten müssen, das Waschen vollzog sich nebeneinander mit kaltem Wasser, die Unterkünfte waren primitiv. Willkürlich wurden alle Hunde von Juden erschossen, nachdem einige den Schäferhund des Lagerkommandanten gebissen hatten. Und von 102 000 Menschen, die durch das Lager gegangen seien, hätten nur 5000 überlebt. „Und ich bin eine von diesen 5000.“
Nach diesen eindrücklichen Schilderungen schauten sich die Besucher in einzelnen Räumen des ersten Stocks an, wie die 33 beteiligten Schüler ihren Besuch in Auschwitz aufgearbeitet hatten.
Eine Zelle als plastisches Erlebnis
Auf einer großen Stellwand fanden sich Fotos vom Lager – ergänzt mit Gedanken und Bemerkungen wie „Ich will leben bis zum letzten Atemzug“ von Tim Bentzko. In einem der Räume stellten die Jugendlichen selbstgestaltete Fotobücher, Zeichnungen und Bilder aus, dezent umgeben von Kerzen, die den stillen Rahmen für das Ganze boten.
Für große Aufmerksamkeit sorgte dort eine 90x 90 cm große Zelle, die Schüler in einem der Arbeitskreise erstellt hatten. „Da war ein extrem dunkler und kleiner Keller – und in so einer Zelle haben da bis zu sechs Leute eine Woche lang gestanden. Das war einer der bewegendsten Momente“, schilderte Lars, der mit seiner Gruppe das Objekt gebaut hate, damit die Besucher dieses Gefühl nachvollziehen können.
„Da habe ich Platzangst, hab mir dabei die Gerüche vorgestellt und die Todesangst über allem“, bezeichnete Elisabeth Schick ihre kurze Erfahrung darin als „beklemmend.“ Eva Weyl fand die künstlerische Idee klasse. „Es kann nicht schrecklich genug dargestellt werden – nur wenn es den Atem wegnimmt, bleibt es kleben.“
In einem weiteren Klassenraum verfolgten die Gäste gebannt die kurze Filmdokumentation, die die Jugendlichen selbst erstellt hatten – mit Szenen ihres Besuchs, persönlichen Eindrücken über das Erlebte und einer Bildcollage, die komprimiert das Grauen und die besondere Aura des Ortes erfahrbar werden ließen. „Man merkt, wie nahe es ihnen ging“, fand der Kevelaerer Jörg Bousard danach.
So empfand es auch die 18-jährige Schülerin Katrin Schick, die am Ende der Veranstaltung im Foyer mit dem Elie-Wiesel-Gedicht „Hört auf den Wind“ den beeindruckenden Schlusspunkt setzte. Sie selbst erinnerte sich an die Baracke, die der Arzt Josef Mengele für seine Experimente an Kindern in Auschwitz benutzt hatte. „Das normale Leben geht weiter, aber das ist in einem drin.“ (aflo)