„Die Arbeit war für mich Fluch und Segen“

Fast auf den Tag genau 26 Jahre nach Dienstantritt verlässt Birgit Pauli-Heijnen das Jugendamt der Wallfahrtsstadt –ein persönliches Resumee:

KB: Seit kurz nach der Gründung des Stadtjugendamtes 1992 waren Sie mit an Bord, war das auch Ihr Einstieg in den Beruf?
Birgit Pauli-Heijnen: Nach dem Sozialpädagogikstudium in Köln habe ich 1979 zuerst zwei Jahre im Josefs-Krankenhaus in Neuss gearbeitet, einem psychiatrischen Fachkrankenhaus und damals ausschließlich für Frauen. Rückblickend glaube ich, dass mich die Zeit in der Psychiatrie mit am stärksten geprägt hat: Ich habe früh begriffen, dass es selten nur „die eine Wahrheit“ gibt und sich das Leben nur dann in seiner Vielfältigkeit erahnen lässt, wenn man sich traut, die eigene Brille zu putzen und sich den Dingen, denen man begegnet, mit größtmöglicher Offenheit stellt.

KB: Wie kamen Sie dann zur Jugendhilfe?
1982 kam ich an den Niederrhein zurück, nachdem ich meinen Mann, der aus Nijmegen kam, kennengelernt hatte. Bei der Stadt Kleve war ich dann zehn Jahre lang als Bezirkssozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialdienst tätig, damals gehörte auch noch der Außendienst für das Sozialamt dazu. Das war was!

KB: Wieso?
Na, wir mussten zum Beispiel sogenannte „eheähnliche Gemeinschaften“ überprüfen, etwa wieviel Zahnbürsten im Bad standen oder ob Unterwäsche eines Mannes im Kleiderschrank oder im Wäschekorb einer offiziell alleinlebenden Frau lag. Entsprechend wurde daraus ein Versorgungsverhältnis unterstellt und der Frau die Sozialhilfe gekürzt. ‘Zig Stunden hab ich auch in Altenheimen verbracht, um dort Pflegestufen zu überprüfen, vieles eben, was im Rahmen heutiger Jugendamtsarbeit undenkbar wäre. Sozialpädagogische Familienhilfen, Integrationshilfen, selbst Tagespflege waren damals Begriffe, die in der Jugendhilfe überhaupt nicht vorkamen.

KB: Jetzt sind Sie in Kevelaer.
1991 hab ich die Sozialarbeit an den Nagel gehängt und bin ganz beim Kevelaerer Blatt eingestiegen, für das ich schon längere Zeit geschrieben hatte. Ich kam 1992 nach Kevelaer zurück. Ich war mittlerweile alleinerziehend und auf die Unterstützung meiner Eltern bei der Betreuung meiner Tochter angewiesen, die damals vor der Einschulung stand. Ich habe irre viel von Martin Willing und insbesondere von Delia Evers gelernt, hatte auch eine ganz gute Schreibe, aber mit den redaktionellen Arbeitszeiten und noch kleinem Kind passte es vorne und hinten nicht.
Als sich Kevelaer dann für ein eigenes Jugendamt entschied, war das eine neue Chance. Hier im Amt bin ich im Laufe der Jahre sowohl räumlich als auch inhaltlich durch alle Büros des alten Rathauses gezogen: Pflegekinderdienst, Jugendpflege, Kindertagespflege und sehr viel Bezirkssozialarbeit. Wir sind in der Zeit stetig gewachsen, und wenn ich allein an die unzähligen Gesetzesänderungen und neuen Dienstanweisungen denke, mit denen wir uns seit 1982 nur schon in der Jugendhilfe rumschlagen mussten, wird mir schwindelig. 2008 wurde dann das Jugendamt in Abteilungen aufgeteilt und ich übernahm die Leitung der pädagogischen Dienste. 2012 musste ich für ein Jahr pausieren, ich bekam die Verantwortung im Amt mit der schweren Demenzerkrankung, unter der meine Mutter zunehmend litt, nicht mehr unter einen Hut. Das war eine schlimme Zeit.
2013 bin ich dann wieder in die Leitung eingestiegen. Parallel zur Arbeit habe ich mich über die Jahre noch weitergebildet.
Die Arbeit im Jugendamt war für mich immer Fluch und Segen. Einerseits gibt es kaum Berufsgruppen, die Menschen so umfassend erleben können. Wir haben umfangreiche Einblicke in Familiensysteme und es bleibt nicht aus, dass man uns eine Menge anvertraut. Wenn es dann aber hart auf hart kommt, und man mit Eltern, die sich z. B konstant gegen unverzichtbare Hilfen aufbäumen, jegliche Mitarbeit verweigern und ihre Kinder in Gänze aus dem Blick verlieren, zum Familiengericht muss, muss man unter Umständen die Informationen, die man hat, gegen sie verwenden, etwa wenn Eltern sucht- oder psychisch krank sind. Das kann einen manchmal zerreißen.

KB: Das können Sie jetzt hinter sich lassen.
So ist es.

KB: Und wie geht es weiter?
Auf jeden Fall gut.