Design Award für Umbau

„Special Mention“ für Wohnen in der Kerzenmanufaktur Kevelaer

Christoph Hermes (links) und Dirk Zweering freuen sich über die Auszeichnung „Special Mention“ in der Kategorie Architecture beim German Design Award 2019 für ihr Projekt „Wohnen in der Kerzenmanufaktur“ in Kevelaer. Foto: privat

Das Aachener Architekturbüro ZHAC von Christoph Helmus und Dirk Zweering hat die alte Kerzenmanufaktur an der Hubertusstraße in ein Mehrfamilienhaus mit fünf Wohnungen umgebaut.

Für das Projekt haben die Architekten nun den German Design Award 2019 bekommen.Sie erhielten die Auszeichnung „Special Mention“ in der Kategorie Architektur. „Der Umbau der ehemaligen Fabrik in ein Fünfparteienwohnhaus gelang modern und zeitgemäß“, lautet es in der Begründung der Jury. „Ein toller Entwurf, der mit seinen großzügigen Fensteröffnungen viel Licht ins Innere lässt und eine hohe Wohnqualität verspricht“.

In der ehemaligen Kevelaerer Kerzenmanufaktur wurden von den Nachkriegsjahren bis ins Jahr 2015 Pilger- und Kirchenkerzen in Handarbeit hergestellt.

Nach Einstellung der gewerblichen Nutzung wird auf Grundlage einer Machbarkeitsstudie entschieden, die vorhandene Rohbaustruktur der Fertigungshalle bei der Umnutzung und Erweiterung in ein Mehrfamilienwohnhaus mit fünf Wohneinheiten (69 – 99 Quadratmeter) einzubeziehen und angeschlossene abgängige Lagergebäude in Leichtbauweise zurückzubauen.

Im Zuge des Umnutzungskonzeptes bleibt die vorhandene Rohbaustruktur in größtmöglichem Umfang erhalten und wird durch die Addition von Volumenkörpern erweitert. Der südliche addierte Baukörper erstreckt sich hierbei über die gesamte Längsseite und eröffnet allen Wohneinheiten auf Erd- und Obergeschossniveau über große Fassadenöffnungen den Zugang zu den privaten Freiflächen und den Sichtbezug auf die Basilika des nahegelegenen Wallfahrtszentrums. Das auf der Nordseite ergänzte Baukörpervolumen des nicht unterkellerten Gebäudes nimmt Haustechnik- und Abstellflächen auf.

Die vorgefundene Satteldachhallenstruktur bleibt im Zuge der Umnutzung und Erweiterung eindeutig in der Kubatur- und Fassadengestaltung ablesbar und prägt maßgeblich die Erscheinung des Wohnhauses. Das hinzugefügte Volumen mit horizontaler Weißtannenschalung wird oberflächenbündig an das vorhandene, mit einem Wärmedämmverbundsystem versehene Bestandsvolumen angeschlossen.

Der Bestandskörper und das Anbauvolumen werden im Anschlussbereich mit einer Schattenfuge abgesetzt. Das insgesamt ruhige und klare äußere Erscheinungsbild wird untermalt durch die durchgehend monochrome Farbtonabstimmung aller Außenfassadenoberflächen.

Bauen im Bestand

Die „Wieder-Verwendung“ von vorhandenen schweren Rohbaustrukturen stellt einen maßgeblichen Nachhaltigkeitsaspekt beim „Bauen im Bestand“ dar, da das Bauwesen zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftszweigen überhaupt gehört.

Alleine die jährlichen Bau- und Abbruchabfälle verursachen 54 Prozent des gesamten deutschen Abfallaufkommens (Keßler 2011). In der Summe umfasst der deutsche Gebäudebestand circa 100 Milliarden Tonnen Material (Schulze-Darup 2008). Dies birgt ein großes Einsparpotenzial hinsichtlich des Rohstoffeinsatzes beim Neubau und insbesondere bei der Verwendung vorhandener Bausubstanz im Rahmen von Sanierungs- und Umnutzungsplanungen.

Insbesondere der Einfluss des Rohbaus auf die Nachhaltigkeits-Performance eines Gebäudes ist bedeutend und so auch die maßgebliche Größe bei der Nachhaltigkeitsbewertung von Bauwerken gemäß der Kriterien der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB).
Ein Viertel der Bewertungskriterien werde direkt von der Rohbausubstanz beeinflusst. Dies entspricht rund 37 Prozent der Gesamtbewertung. Maßgeblichen Einfluss hat die Bewertung der Lebenszykluskosten (9,6 Prozent) und der Ökobilanz (13,5 Prozent der Gesamtbewertung).

Im Rahmen der Umnutzung der ehemaligen Kerzenmanufaktur wird der Großteil der vorhandenen Rohbaustruktur in die Umplanung integriert. 120 Kubimeter Bestands-Stahlbeton und 45 Kubikmeter Bestandsmauerwerk bilden die Grundstruktur der Umnutzung.
Neben der Vermeidung von Abrissabfällen und Recyclingaufwendungen können durch die „Weiter-Verwendung und Weiter-Nutzung“ der vorhandenen Rohbausubstanz der ehemaligen Kerzenmanufaktur 51 Tonnen CO2 vermieden werden.