Der Kampf gegen den Schnee

Um kurz nach halb acht hatten sich einige der Mitarbeiter*innen des Kevelaerer Betriebshofes versammelt. Der Leiter des Betriebshofes, Johannes Baaken, wies seinen Mitarbeiter André Urselmann an: „Wenn es sich am Feriendorf nicht lohnt, dann fährst Du da einfach drüber, fährst dann zur Binnenheide, Wetten durch und zu der einen Dame, die war ganz verzweifelt.“

Er erläuterte dazu den Hintergrund: „Sie hat ein schwer behindertes Kind, sie hat Angst, dass da im Notfall kein Rettungswagen durchkommt.“ Solche Ausnahmen mache man „aus menschlichen Gründen selbstverständlich“, meinte er. „Wir sind seit vier Uhr unterwegs“, erläuterte Baaken. „Dann geht es los zur Streckenkontrolle.“ Man habe letzten Freitag gefragt, wer könnte und habe mehr Leute mobilisiert. Alle 30 Mitarbeiter*innen seien in Schichten im Einsatz. Diejenigen, die morgens um vier Uhr anfingen, würden abends nicht mehr rausgerufen.

„Aber auch wenn die Mittel für einen Bauhof dieser Größenordnung und für die Stadt exzellent sind: Ganz Kevelaer schnee- und eisfrei zu bekommen, ist Utopie, auch bei Temperaturen von minus zehn Grad“, stellte Baaken klar. „Wir haben am Sonntag, als der Schnee kam, schon gestreut, und dann ganztägig. Gestern haben wir da dran noch bis 22 Uhr gearbeitet.“

Bis jetzt seien ihm keine größeren Unfälle in der Stadt bekannt. „Darum geht es, Sicherheit zu gewährleisten und dass die Infrastruktur nicht zusammenbricht.“ Priorität habe das Hauptstraßenverkehrsnetz in der Stadt, die sogenannte „Kategorie 1“. Normalerweise mache man die Nebenstrecken nicht. „Sonntag deutete sich aber an, dass einige Pflegedienste anriefen. Auch die Postzustellung ist ein Thema. Da haben wir mit Pichler und dem Fachbereichsleiter Püplichhuisen besprochen, dass wir, wenn wir Kategorie 1 fertig haben, auch den Außenbereich und die Nebenstraßen mit machen.“

Jeden Tag aufs Neue

André Urselmann fuhr nach der Einweisung mit dem Räumfahrzeug vom Hof. „Ich komme von einem landwirtschaftlichen Betrieb, zu Hause von der Berendonk.“ Den Job im Betriebshof, den mache er seit drei Jahren. Die vergangenen Tage sei er in vollem Einsatz gewesen. „Sonntag waren es 13 Stunden, Montag zehn und heute schauen wir mal.“

Während der Fahrt beschrieb er die Situation zu Beginn des Wintereinbruchs. „Am Sonntag wussten wir in der Innenstadt nicht mehr, wohin mit dem ganzen Schnee. Das war schon kriminell.“ Durch die Schneeverwehungen sei nichts zu machen gewesen. „Am Morgen habe ich eine Strecke geschoben, die war um zwölf Uhr wieder voll.“ Er verstehe die Anlieger, „wenn die meckern, dass man an den Seiten alles voll schiebt. Aber die Zufahrtsstraßen müssen halt frei sein.“

Und neben dem Schneeschieben ereigneten sich auch noch andere Dinge, auf die man reagieren muss, erzählte er beim Auffahren auf die B 9 Richtung der Kreuzung nach Winnekendonk. „Ich habe gestern auch ein paar Autos rausgezogen. Ein etwas stärkerer Geländewagen hatte sich an der Veerter Staße im Graben festgefahren und beim Anziehen ist auch der Trecker leicht weggerutscht.“ Da sei Vorsicht angesagt. „Wenn ich selber im Graben lande, ist das nicht so schön.“ Die Prozedur habe aber nur 20 Minuten gedauert.

Ein Malheur durch Schneeverwehungen.

Auf dem Weg zur Kreuzung fielen uns am Straßenrand zwei Autos auf. „Ein Auffahrunfall“, sagte Urselmann. Da gab es keinen Anlass zum Eingreifen. Er fuhr auf die Kreuzung zu. „Wir machen im Feriendorf erst mal die Zufahrtswege frei.“

Nahe der Bushaltestelle Höhe der früheren Schankwirtschaft Joosten schaufelte ein junger Mann Schnee, sah den Schneeräumer und hob den Daumen. „Das passiert mittlerweile sehr oft. Man wird gegrüßt, die Leute freuen sich auch. Bei älteren Damen fährt man mal die Auffahrt rauf und runter.“ Und erntet ein Dankeschön.

Bei der Fahrt durch Schravelen war wahrzunehmen, dass nicht mehr so viel Schnee auf der Straße war. „Wenn jetzt ein bisschen mehr Schnee drauf wäre und der Trecker müsste richtig kämpfen, dann schwankt er nach links und rechts.“ Mit Allrad und 25 km/h bei einem Eigengewicht von 5,5 Tonnen sei das aber kein Problem.

Der Schieber schob den Schnee zur Seite, aber die Spur konnte er unwesentlich verbreitern. „Die Schieber haben eine Breite von 2,80 Meter, ich kann sie von links nach rechts schwenken“, erläuterte Urselmann die Mechanik. In der Regel fuhren die Autos in der Mitte, aber das sei kontraproduktiv, „weil man immer die Spur, die nicht befahren wird, freiräumen muss.“

Am Wissener Weg fuhr Urselmann dann langsamer: „ Jetzt fangen wir an, die Einfahrt hier mal freizuschieben. Die Landesstraßen werden von ‚Straßen NRW‘ freigemacht, und die schieben das auch nur nach rechts“, fiel ihm an der Stelle auf. In Richtung Landhaus Voeskenshof fuhr er mit dem Räumer die linke Seite ab, um die Spur sichtbarer zu machen.
Ob man überhaupt einen Blick für die Landschaft habe während der Arbeit? „Zu Anfang schon, aber dann sieht man nur noch Schnee.“ Am Vortag habe er ziemlich viele Wirtschaftswege freigefahren. „Da muss man auch sehr konzentriert fahren. Da klatscht der Schnee gegen die Scheibe und man hat schlechte Sicht.“

Auf den Feldwegen könne man schon wahrnehmen, dass „die Landwirte viel mit Schaufel und Trecker freigelegt“ hätten, meinte Urselmann, während er auf Höhe Michelsweg den Schnee gleichmäßig beiseiteräumte.

Am Hohen Weg in Winnekendonk lag wenig Neuschnee. Wenn man da schiebe, verleihe man der Fläche nur eine gewisse Glätte. „In der Regel sollte man nur schieben, wo viele Autos fahren und auch den Modder direkt wieder von der Seite schieben, damit er nicht gefrieren kann. Hier ist das nicht machbar. Wir kommen da nicht mit den Schneeschildern nach unten weg.“ Das würde ansonsten den Zustand der Straße nur verschärfen. Urselmann bog anschließend in die Kevelaerer Straße ein. „Da waren hier die Kollegen heute morgen schon“, machte er darauf aufmerksam, dass die Straße relativ frei war. Einige Bürgersteige waren noch mit Schnee bedeckt. „Die müssen von den Anwohnern freigeräumt werden“, sagte er. Dass das nicht immer sofort passiere, verstehe er. „Die Leute sind berufstätig, und da macht man das morgens einmal“, meinte der 30-Jährige.

Auch Fußgruppen dabei

Mit den Kleintreckern seien die Fußgruppen vom Betriebshof aus unterwegs, um solche Flächen, Parkflächen und Gehwege freizuräumen. Nahe der Feuerwehr stand ein Wagen mit Kollegen, die die Übergänge freimachen, deutete er in deren Richtung.

Auf dem Weg zur Binnenheide erzählte er von einer weiteren Begebenheit: „Gestern habe ich auf der Kapellener Straße auch eine Frau rausgezogen, die ist einem LKW ausgewichen. Da ist es natürlich eng zwischen Wetten und Kapellen. Die war ganz panisch und war froh, dass ein Mann da war, der wusste, wo der Abschlepphaken an ihrem Auto ist.“ Aber lieber ein Auto im Graben als ein LKW, meinte Urselmann.

Wie wahr der Satz war, erwies sich einige Minuten später, als Urselmann an der Einfahrt Achterhoek 4 auf einen Landwirtschaftskollegen mit seinem Fahrzeug traf. „Ich habe von ihm erfahren, dass beim Bauer Mott ein 40-Tonner feststeckt. Er hat versucht, ihn rauszuziehen, aber dabei sind Seil und Kette gerissen. Jetzt kommt noch ein zweiter LKW, der pumpt ihn leer und danach könnte man ihn rausziehen, aber das dauert sicher ein paar Stunden.“ Da könne er allein nichts ausrichten, sagte Urselmann. „Wenn er wirklich im Graben steckt – und wir haben ja auch nicht den optimalen Grip, denn wir stehen ja auch auf einer Schneefläche – da hat man keine Chance.“ Am Vortag hatte er noch einen schweren Geländewagen rausgezogen. „Da kam ich auch ins Rutschen. Der hatte auch seine zwei Tonnen.“

Bei 40 Tonnen würde man vielleicht mit einer Kolonne von zwei, drei Treckern ziehen. Aber das sei nicht nur eine herausfordernde, sondern auch eine gefährliche Geschichte. „Die Ketten rundherum können alle reißen, die Seile auch, und wenn die in der Heckscheibe oder im Führerhaus landen…“ Da müsse man überlegt handeln.

Für ein Pärchen endete der Ausflug im Schneeberg.

An einem Weg hinter einer kleinen Brücke stand im Schnee ein Auto, das in der Kurve versuchte, weiterzufahren. „Das wird nix“, meinte Urselmann sofort und stieg aus. „Wir wollten in der Einsamkeit mit unserem Hund spazieren gehen. Man muss ja irgendwo stehen und jetzt stehen wir“, erklärten die Winnekendonker Bianca und Marcus Thun, die sich über die Hilfe freuten. Mit dem Abschleppseil zog Urselmann den Wagen aus dem Schnee. „Man unterschätzt die Fähigkeiten des eigenen Autos“, sagte der Fachmann. „Sie sagten, die Straße war freigeschoben, wollten nur links parken – und dann war Endstation. Alleine wären sie nie da raus gekommen.“

„Die Schneeverwehungen“ nannte kurz darauf der Fahrer eines festsitzenden „Campina“-Milchlastwagens als Grund für sein Malheur, als wir ihm entgegenfuhren. „Jetzt kommt noch ein anderer Fahrer und pumpt den Wagen leer, zieht den dann mit der Abschleppstange raus. Wenn der beladen ist, ist das so ´ne Sache. Das haben die grade mit drei Treckern versucht und nicht geschafft.“

Nachdem André Urselmann den Weg der Frau mit dem behinderten Kind freigeräumt hatte, führte uns der Weg Richtung Wetten. Am Betriebshof endete die Fahrt. „Jetzt noch Berendonk, dann Richtung Wetten und nochmal Binnenheide, Kapellener Straße, dann wieder Innenstadt – und dann ist es gut für heute“, umriss der Fahrer den Rest der Schicht, bevor er kurz zur Ruhe kam.