Die Leserinnen und Leser wissen es längst: Mit großem Bedauern hat Herausgeber Rudolf Beerden ihnen mitgeteilt, dass das Ende ihrer Heimatzeitung besiegelt ist. Mit dieser Ausgabe des Kevelaerer Blattes geht ein Stück Kevelaerer Zeitgeschichte.
Es ist die letzte gedruckte Ausgabe des Kevelaerer Blattes. Im Stadtarchiv der Wallfahrtsstadt wird die Ausgabe des allererste Kevelaerer Blattes wohlverwahrt.
Stadtarchivar Till Bodden hat die Einstellung der einzigen Kevelaerer Zeitung zum Anlass genommen, auf deren Ursprünge und die wechselvolle Geschichte der einzigen Kevelaerer Heimatzeitung zurückzublicken:
Die erste Ausgabe des Kävels Bläche
Am 29. Januar 2026 erscheint die voraussichtlich letzte gedruckte Ausgabe des Kevelaerer Blatts. Damit endet eine Geschichte, die über fast anderthalb Jahrhunderte hinweg prägender Bestandteil des Lebens in der Wallfahrtsstadt war, denn der Wahlspruch „Heimatzeitung seit 1879“ ist keine Übertreibung. Bereits am 10. Mai 1879 erschien die erste Ausgabe, und seitdem war die 147 Jahre lange Geschichte des Kävels Bläche stets von Veränderungen geprägt. Unvermeidlich wechselten immer wieder Titel, Format, Ausrichtung, Umfang, Redaktion, Inhaber und Aufbau der Zeitung. Nur eines galt immer: Wer sich über das Geschehen in Kevelaer und seinen Ortschaften informieren wollte, der wurde im Kevelaerer Blatt fündig. Hier erfuhr man, was man über Lokalpolitik, Kultur, Kirche, Wirtschaft, Sport, Verwaltung und das allgemeine Leben im Ort wissen musste, aus einer Zeitung, die allein schon örtlich näher am Geschehen sein konnte als alle anderen. Und zur Wochenzeitung selbst gesellten sich immer wieder auch diverse Beilagen, andere Veröffentlichungen in Buchform und in den letzten Jahren auch ein umfangreicher Internetauftritt.
Die letzte Ausgabe soll nun noch einmal als Anlass dienen, einen Blick zurück auf die Anfänge und die Geschichte des Bläche zu werfen. Das wäre nicht das erste Mal: schon zum 140. und zum 145. Jubiläum wurde über die Anfänge der Zeitung berichtet, und doch bieten 147 Jahre auch für die wiederholte Betrachtung mehr als genug Raum.
Die erste Ausgabe erschien am Samstag, den 10. Mai 1879 unter dem Titel „Kevelaer’er Volksblatt. Für Thron und Altar. Anzeiger für Kevelaer, Weeze, Winnekendonk, Kervenheim und Wetten“. Mittwochs und samstags sollte die Zeitung aufgelegt werden und im Abonnement 1 Mark in 3 Monaten kosten, bzw. 1 Mark und 25 Pfennig bei Zustellung durch die Post. Der erste Beitrag überhaupt war eine Ankündigung zu den Vorstellungen und Ansprüchen, die die damalige Redaktion antrieben. Aus der heutigen Rückschau heraus hat sie sich als prägend erwiesen und ist hier im vollen Wortlaut wiedergegeben.
Einladung zum Abonnement auf das hier neu gegründete Kevelaer’er Volksblatt
„Wir erlauben uns die geehrten Bewohner von Kevelaer und Umgegend auf das von uns angeregte Unternehmen, die Gründung eines eigenen Organs für unseren Ort und Umgegend, aufmerksam zu machen und zugleich die Bitte anzuknüpfen, uns durch eine recht zahlreiche Betheiligung am Abonnement sowie auch durch Insertionsaufträge ihre thatkräftige Unterstützung zu[geben] zu wollen.
Das ,Kevelaer’er Volksblatt‘ wird, [ab] von allen Nebenansichten, eine entschieden katholische, gemäßigte Tendenz führen, und werden wir unserem Programme getreu, den geschätzten Lesern eine den heutigen Zeitverhältnissen anpassende, auf dem Boden des Rechts und der Wahrheit beruhende Politik in gedrängter, aber durchaus populärer Sprache bringen. Es wird auch ferner unsere heilige Pflicht sein, gegen die Lüge und den Unglauben mit scharfen, gediegenen Aufsätzen zu Felde zu ziehen und für das gute Recht, Moralität und Sitte mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln einzustehen.
Das Feuilleton soll ein gewähltes, […] von gut christlichen Autoren herstammendes sein; ebenso werden wir auch für eine gesunde, unterhaltende Lektüre durch kürzere vermischte Artikel für Jung und Alt sorgen.
Von Lokal- und Provinzial-Nachrichten werden wir nur das Neueste und Wissenswertheste bringen. Landwirthschaftliche Mittheilungen, Marktberichte u.s.w. werden ebenfalls von uns alle Berücksichtigung finden und sind wir auch gern erbötig, geeignete Mittheilungen, Rathschläge u.s.w., die uns von hervorragenden Capacitäten, Vereinen etc. zugeschickt werden, zur Veröffentlichung zu bringen und so gerade diesen für unsere Gegend so wichtigen Culturzweig wirksam fördern zu helfen.
Zum Schlusse richten wir, in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, womit wir zu kämpfen haben, an die geehrten Bewohner von Kevelaer u. Umgegend nochmals die Bitte, dem jungen Unternehmen durch zahlreiches Abonnement ihr Wohlwollen zu erzeigen und es zu einem lebensfähigen ausbilden zu helfen.
Geeignete Beiträge werden wir stets mit Dank entgegennehmen, wie wir auch selbst keine Kosten noch Mühe scheuen, unser im Programm entwickeltes Versprechen nach jeder Richtung hin gerecht zu werden.
Uns dem Wohlwollen Aller bestens empfohlen haltend, zeichnen wir mit Hochachtung
Die Redaction.”

Die Seite 2 des ersten Kävels Bläche. Foto: Bodden
Die nach dieser Ankündigung folgenden Texte der ersten Ausgabe sind bereits typisch für die nächsten Jahrzehnte.
Kevelaer selbst wurde erst unter dem Punkt „Rheinland und Westfalen“ erwähnt.
Zuvorderst aber standen Nachrichten, die sich so auch in überregionalen Zeitungen finden ließen, darunter Berichte zur Politik und dem Geschehen im Deutschen Reich, in Europa, Amerika und anderen Regionen der Welt, oft mit einem besonderen Fokus auf der Rolle der katholischen Kirche oder der Zentrumspartei. Ergänzt wurde dieser Teil durch Beiträge zu Kultur und Wirtschaft.
„Eigenthümliches Frühlingswetter“
Zur Wallfahrtsstadt selbst gab es dagegen am 10. Mai 1879 nur zu einem Thema etwas zu berichten, das auch heute noch tagtäglich beschäftigt: „Kevelaer, 9. Mai. Wohl seit vielen Jahren haben wir nicht ein so eigenthümliches Frühlingswetter gehabt wie in diesem Jahre, fast immer […] und Nachtfröste. Der Wonnemonat kam in’s Land und man sah sich genöthigt, den Ueberzieher wieder hervorzuholen, um sich gegen die Kälte zu schützen. Die alte Wetterregel sagt: ,Der 3. Mai ist ein Wolf, der 7. Eine Schlange.‘ Dies scheint im […] nicht zuzutreffen, denn wir haben doch anscheinend eine Umwandlung erfahren, wenn auch etwas frisches doch heiteres Wetter. Und so wollen wir hoffen, daß sich die Witterung günstiger gestalten möge und unsere Gärtner und Ackertreibenden dasjenige nachzuholen im Stande sind, was schon hätte geschehen müssen.“
Werbeanzeigen und Postkutschen-Fahrplan
Einen größeren Einblick in das Leben im Orte bieten für diese Ausgabe dann jedoch noch die Werbeanzeigen, die gefragt gewesen zu sein scheinen: Neben diversen Versteigerungen etwa von Immobilien und Inventar gibt es Mietanzeigen und Werbung beispielsweise für Buch- und Schreibmaterialien, Möbel, Dünger, Tabak und andere Zeitungen. Auch ein Eisenbahnfahrplan (4x täglich in Richtung Kleve, 4x täglich in Richtung Köln) und ein Fahrplan für die Postkutschen nach Winnekendonk und Kervenheim sind enthalten. Die Namen der inserierenden Kevelaerer Unternehmen sind freilich nicht mehr aktuell – die Schreibmaterialien-Handlungen von Arnold Gieben und von Carl von Lobedank oder der Hutladen von Johann Mylius dürften heute nur noch den Wenigsten ein Begriff sein.
Und dennoch, in späteren Ausgaben aus dem Jahr 1879 finden sich mit ihren Anzeigen schnell auch heute noch bekannte Institutionen, wie die St. Antonius-Gilde, der Kevelaerer Musikverein und andere Gruppen. Werbeanzeigen auch heute noch bekannter Kevelaerer Unternehmen stellten sich im Laufe der Zeit ein, ebenso wie amtliche Ankündigungen. Schon 1879 finden sich jedenfalls viele auch heute noch weithin in Kevelaer vertretene Nachnamen.
Digitalisierung alter Ausgaben
Der Zustand dieser ersten Ausgabe, die noch im Original im Kevelaerer Stadtarchiv lagert, ist leider recht angegriffen, da die 147 Jahre seit dem Erscheinen der Zeitung Spuren auf dem fragilen Papier hinterlassen haben. Diverse unsichere Lesarten und Lücken im Text und bei den Werbeanzeigen ergeben sich daraus, dass der Seitenrand des Jahresbandes grade bei den ersten Seiten stark beschädigt ist und nicht mehr alle Wörter lesbar sind.

Die Anzeigenseite des ersten Kävels Bläche. Foto: Bodden
„zeit.punktNRW“
Umso schöner ist es, dass seit einigen Jahren das Portal zeit.punktNRW der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn und diverser Partnerorganisationen die alten Ausgaben des Kevelaerer Blatts bis zum Jahrgang 1941 digital gesichert hat und jedem Interessierten die Möglichkeit bietet, diese im Internet frei zugänglich einzusehen.
Nicht zum ersten Mal am Ende
Zuletzt sei angemerkt: Auf die erste Zeitung folgten schon bald, wie angekündigt, viele weitere Ausgaben, zunächst zweimal, zeitweise auch dreimal wöchentlich, zuletzt einmal in der Woche. Die wohl größte Zäsur erlebte das Bläche in der NS-Zeit. Wie so viele andere Presseorgane auch wurde sie im Jahre 1933 zwangsweise gleichgeschaltet und auf Parteilinie der NSDAP gezwungen, nachdem sie zuvor noch zentrums- und kirchennahe Meinungen vertreten hatte, und 1942 wurde sie komplett eingestellt. Erst im Jahr 1949 erschien nach dem Krieg, nach 8 Jahren Unterbrechung, wieder ein Kevelaerer Blatt, zunächst noch in einer stark verkleinerten Ausführung, später wieder im gewohnten Zeitungsformat. Es wäre 2026 also nicht das erste Mal, dass die Zeitung mit einem vermeintlichen Ende konfrontiert ist.
Till Bodden



