Caritas startet Jahreskampagne „Zusammen sind wir Heimat“ in Kevelaer

Donia Basal ist angekommen. Ihre Heimat bleibt Syrien, sagt die 26-Jährige, die vor anderthalb Jahren aus Aleppo geflohen ist: „Doch Deutschland kann meine zweite Heimat sein“, bekannte sie beim Auftakt zur Jahreskampagne 2017 der Caritas in der Flüchtlingsunterkunft Schravelsche Heide in Kevelaer.

Als Sprach- und Kulturmittlerin hat sie Arbeit bei der Caritas Geldern-Kevelaer gefunden, macht ihren Führerschein und verfeinert ihre Deutschkenntnisse im B2-Kurs. „Zusammen sind wir Heimat“ – dieses Motto der Jahreskampagne wird vor Ort mit Leben gefüllt, wie eine Reihe Praxisbeispiele zeigten.

Nach dem ersten Willkommen steht jetzt die Integration als große und nicht immer einfache Aufgabe an, betonte Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann. 400 Flüchtlinge erreichten Kevelaer in kurzer Zeit und stellten Stadt und Caritas vor große Aufgaben. Das seit Jahren leerstehende Sporthotel war als Unterkunft eine gute Lösung, sagt Nadja Hübinger, die das Caritas-Zentrum in Kevelaer leitet. Weit wichtiger sei aber, „Kümmerer in allen Fragen zu sein“, wie die Leiterin der Unterkunft, Gudrun Aserian, betont.

Die wird es noch eine Weile brauchen, denn jetzt sieht Diözesancaritasdirektor Kessmann den Zeitpunkt gekommen, sich mit aller Kraft um die Integration zu bemühen. Das Jahresmotto mache deutlich, dass dies kein einseitiger Akt sein könne, sondern „die Bereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft“ gegeben sein müsse. Notwendig sei auch, „dass wir uns gegenseitig Zeit lassen“, plädierte Kessmann für Geduld.

Große Hürden bei der Integration bilden einige Rahmenbedingungen. Teilweise seien
schon die Wohnbedingungen hinderlich, nannte der Flüchtlingsbeauftragte des Bistums
Münster, Helmut Flötotto, eine. Deutlich kritisierte er die „zunehmende Abschottungs- und
Ausgrenzungspolitik auch in den etablierten Parteien“. Ausfluss sei nicht zuletzt die Aussetzung des Familiennachzugs. Dies sei eine der wenigen Möglichkeiten für Menschen,
gefahrlos nach Deutschland zu kommen. „Der vereinfachte Familiennachzug auch für
Geflüchtete mit subsidiärem Status muss wieder möglich werden“, forderte Flötotto.
Als besonders problematisch sieht Flötotto, der im Diözesancaritasverband Münster das
Referat Soziale Arbeit leitet, die Regelungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Selbst wenn sie anerkannt seien, dürften sie nur ihre Eltern nachholen, nicht aber die Geschwister. Dies widerspreche „dem grundgesetzlich und menschenrechtlilch garantierten
Schutz von Famillien“.
Dass die Flüchtlinge ankommen und sich in Deutschland eine zweite Heimat aufbauen können, ist vor allem auch ein Verdienst der ehrenamtlich Engagierten, wie vier Praxisbeispiele aufzeigten. Ob im Koch- oder Backtreff, Zeitungsprojekt oder in den Sprachkursen – überall gilt: „Menschliche Begegnung ist wichtiger als der Buchstabe“, wie Sylvia Rommen-Albrecht sagt, die den Sprachtreff leitet. Die Ehrenamtlichen erleben, wie schwierig das Ankommen für die Flüchtlinge ist, und wie bereichernd der Austausch der Kulturen und die neu entstehenden Freundschaften. Im Backtreff hat Lis Schoofs viele Überraschungen erlebt. Noch nie habe sie soviel geweint – wegen der Gewürze – aber auch Freudentränen seien dabei gewesen, wenn sie gesehen habe, wie gut den Frauen tue.

„Flüchtling zu sein ist schwierig“, sagt Donia Basal, die sich direkt nach der Ankunft in der
Flüchtlingsunterkunft in Herongen im Herbst 2015 ehrenamtlich eingesetzt hat. In Aleppo hatte sie als Englischlehrerin in einer amerikanischen Schule gearbeitet und konnte so dolmetschen. Die neuen Nachbarn, Freunde und Kollegen haben sie ankommen lassen: „Wir sind zusammen Heimat“, sagt die junge Syrerin. Es gehe immer besser, aber man müsse geduldig sein.