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Aus der Not eine Tugend machen

1. Mai 2020/in Kevelaer, Premium/von Alexander Florie-Albrecht

Heinz Ermers ist nicht nur Kevelaerer SPD-Mitglied, sondern auch langjähriges Mitglied der IG BCE und stellvertretender Betriebsrat des Uerdinger Weißmacher-Herstellers „Venator“. Als aktivem Gewerkschaftler treibt ihn schon um, dass der 1. Mai in diesem Jahr nicht so ist wie all die Jahre zuvor. „Dass wir nicht zu den Mai-Kundgebungen fahren können, das finde ich traurig. Das hat mir jedes Jahr grundsätzlich Spaß gemacht, den Grundgedanken der Arbeitgeber hochzuhalten und sich zu vereinigen.“ Sonst ist er dann immer im Landschaftspark Duisburg. „Das hat da schon ein gewisses Flair.“ Im Moment sei deutlich spürbar, dass viele Menschen angesichts der Corona-Krise andere Dinge bewegen als dieser für die Gewerkschaften sonst so wichtige Tag. „Wir sind alle getrieben von diesem Virus, und allem, was damit zusammenhängt.“

Die Diskussionen kreisten eher um die „Probleme in den Familien: Wie ist es mit der Kinderbetreuung? Wie kann man mit Maske einkaufen? Da drängen Ereignisse wie der 1. Mai nach hinten, wenn zum Beispiel Kurzarbeit eingeführt wird.“ Die Bedrohung der Arbeitsplätze und des gesellschaftlichen Lebens durch die Folgen des Coronavirus bewege viele. „Die Frage ist da: Wie tief sind die Einschnitte?“ Das sehe man ja aktuell alleine schon an der Situation der Kevelaerer Gastronomen und der ausbleibenden Pilgergruppen. „Das sind alles wichtige Aspekte des Kevelaerer Lebens.“ Und es gehe um Gesundheit – im eigenen Betrieb gebe es Eintrittskontrollen und seit ungefähr vier Wochen Fiebermessungen an den Toren. „Und wir versuchen, die Abstandsregelungen einzuhalten. Das ist alles nicht einfach.“

Viele Ressourcen ins Ausland verschoben

Was die Krise offenbart habe, sei, dass man über die Globalisierung viele Ressourcen ins Ausland verschoben habe. „So blöde Masken hätte man früher doch locker bekommen“, sagt Ermers. So sehe man jetzt vielleicht stärker den Sinn deutschen Handwerks und Unternehmertums. „Das werden aber doch eher die Manager entscheiden“, wie sich das entwickele, meint er.

Auf der anderen Seite, so Ermers, sei interessant, was in Sachen „Homeoffice“ auf einmal möglich sei – etwas, wofür Gewerkschaftler von Unternehmern noch vor einem Jahr belächelt worden seien. „Das ging vorher nicht. Und jetzt merkt man: Man muss sich nicht immer persönlich sprechen.“

„Ja” zum Home Office

Im eigenen Uerdinger Unternehmen müsste man im Betriebsrat und in Gremien zusammenkommen. „Da gelten für die Pandemie-Zeit Ausnahmen, dass Beschlüsse auch über ‘Skype’ oder ‘Teams’ erwirkt werden können, damit Betriebsräte handlungsfähig sein können.“ Denn es sei in Corona-Zeiten schon schwierig, in Sachen Abstand passende Räumlichkeiten für Gremientreffen zu finden. Und oft müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber ja auch schnelle Entscheidungen zum Erhalt von Arbeitsplätzen treffen, wo der Betriebsrat mit eingebunden gehört. Viele sähen jetzt die Vorteile – und sogar der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil überlege, eine Art Grundrecht auf Home Office einzuführen. „Da wäre ich dafür“, sagt Ermers.

Er persönlich sehe Leuten lieber direkt in Sitzungen ins Gesicht. „Aber wenn die Arbeitszeitmodelle sich verändern und die Arbeitnehmer zu Hause sind, warum sollten sie dann zum Arbeitgeber fahren müssen?“ Das Ganze habe auch einen Umweltaspekt – und die junge Generation fordere diese flexible Arbeitsgestaltung halt auch ein. „Damit kann ein Arbeitgeber heute sehr wohl punkten, wenn es sinnvoll gestaltet ist.“ So könne man „aus der Not eine Tugend“ machen. „Ich hoffe, dass man wenigstens nach der Corona-Krise solche Dinge erhalten wird.“ Und dass man dafür auch den entsprechenden Rechtsrahmen schaffe.

Ermers’ Hoffnung ist, dass der 1. Mai im kommenden Jahr wieder ganz regulär stattfinden wird. „Ich glaube schon, dass das nur eine temporäre Sachlage ist.“ Den Tag wolle er mit seiner Familie verbringen. Dass der DGB in den sozialen Netzwerken zwischen 11 und 14 Uhr über „youtube“ und „Facebook“ den 1. Mai mit einem Programm feiert, das interessiert ihn persönlich nicht so sehr. „Digital ist für mich keine Option. Einen 1. Mai muss man nicht sehen, man muss ihn erleben“, sagt er. „Ich bin da noch einer von der alten Garde, der es mag, wenn man mit Arbeitern und Gewerkschaftlern unter sich ist – auch mit den Reden und so.“

Schlagworte: 1. Mai, Beruf, Corona-Virus, Covid-19, Heinz Ermers, Kundgebung, Leben, Wirtschaft
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