Sie lebt in einem kleinen Dorf hinterm Deich und sie singt für ihr Leben gern. Wagner, zum Beispiel. Bach. Oder Mahler. Annette Gutjahr ist Mezzosopranistin und spätestens seit ihrem Auftritt beim Marien-Festspiel „Mensch Maria!“ (2017) oder den Konzerten mit dem A capella Quartett „consonanz à 4“ in Kevelaer kennen sie auch Musikfans am Niederrhein. Mit ihrer großen, warmen, dunkel und frei fließenden Stimme hat sie die „Maria“ gesungen (komponiert vom Basilika-Organisten Elmar Lehnen). Seitdem ist die Sängerin aus dem hohen Norden (okay, nördliches Niedersachsen) immer wieder in Kevelaer zu Gast – natürlich, um zu singen, aber auch, um liedseligen Menschen in Kursen und Workshops die Freude am und die Kunst des Singens näher zu bringen.
Tach Frau Gutjahr, was zieht Sie denn immer so an den Niederrhein, nach Kevelaer?
Moin! Die tollen lebendigen und sangesfreudigen Menschen!
Singen die Kevelaerer denn anders als die Holsteiner?
Gute Frage … die, die ich hier treffe, singen alle mit glühender Begeisterung.
Okay, und singen kann jeder…
… und Üben hilft … und wenn ich den einen oder anderen Tipp geben kann, läuft es noch „geschmierter“.
Nun kann man aber schon Sing-Hemmungen haben, wenn man Sie zuvor gehört hat und weiß, dass Sie u. a. in Bayreuth die Fans begeistert haben …
Ich bin meistens ganz lieb … *lacht* … sagen wir mal, wer an die Profi-Bühne möchte, sollte sich gut vorbereiten …, ansonsten singt einfach jede/r dort, wo er/sie sich am wohlsten fühlt und ich unterstütze nach Kräften.
Naja, Kritiker schreiben von einer Stimme, die samtig ist und tief, wie ein guter Rotwein …“
Ja, das ist sehr schmeichelhaft …und hat mich viele Jahre Arbeit und Ausbildung gekostet.
Wagner, hachja … Sie mögen es schon schwer, nicht wahr? Was begeistert Sie denn an dieser Musik?
Gerade diese Schwere, die Komplexität, die Tiefe … und der daraus entstehende Farben- und Nuancenreichtum.
Und doch, klassischer Musik hängt immer noch etwas Elitäres an …
Ja, vielleicht, weil es sich wie Luxus anfühlt, sich damit beschäftigen zu dürfen, … und weil wir sie oft nicht gewohnt sind. Nicht jede Musik passt für jede Lebenssituation … Sich selbst an Klassik zu gewöhnen kann eine wirkliche Bereicherung sein. Heute müssen wir ja nicht mehr bei Hofe leben, um in den Genuss zu kommen. Zu Bachs Zeiten waren die Komponisten bei Hofe angestellt. Später, mit Entstehung der Opernhäuser, wurde es Musik für das gehobene Bürgertum und von dort ging es in die breiteren Schichten der Bevölkerung. Zum Glück gibt es immer mehr Theater und Konzerthäuser, die sich mit speziellen Programmen z. B. um Kinder und Jugendliche bemühen, die günstige Kartenangebote machen, Tage der offenen Tür, den Dresscode gelockert haben. Es lohnt sich, dem neugierig zu begegnen. Und es wäre wichtig, dass die Ausbildung in Musik wieder mehr Einzug in die Schulen hielte. Ein Instrument zu spielen oder gemeinsam zu singen, wäre ein wichtiges Gegengewicht zu Social Media und KI.
Und dann wagen Sie gar etwas sehr Ungewöhnliches: klassischer Gesang plus E-Gitarrenbegleitung …
Ja! Ganz großartig! Ich liebe diese Freiheit. Mit meinem Kollegen Rolf Kirschbaum lote ich aus, was mit der Musik passiert, wenn wir das musikalische Gerüst wegnehmen und die Melodie in einen freien und neuen instrumentalen Zusammenhang stellen. Gerade die tief in der klassischen Musik verwurzelten Menschen finden das sehr erfrischend. Wir machen damit Musik wieder neu erlebbar. Wer zu uns ins Konzert kommt, darf gespannt sein.
Bald kann man Sie mit Ihrem A capella Quartett consonanz à 4 wieder am Niederrhein erleben (31. Oktober, 20 Uhr, Marienbasilika Kevelaer).
Darauf freuen wir uns schon sehr! Nach Kevelaer zu kommen, ist immer ein bisschen, wie nach Hause kommen. So viele freundliche Menschen „auf einem Haufen“.
Das Interview führte Heike Waldorschäfer
Gutjahr live erleben
Live erleben in Kevelaer kann man Annette Gutjahr und Rolf Kirschbaum auch schon am Sonntag, 21. September, 17 Uhr im Kevelaerer Bühnenhaus (Einlass ab 16 Uhr) beim „Multimedialen Festkonzert: Kain ABER!“ zum 30-jährigen Bestehen der Aktion pro Humanität. Mit dabei u. a. der Chor Kalobrhi, Harald Ingenhag (Drums, Bodypercussion), Ralf Schauwacker (Projektionen), Elmar Lehnen und Anna de Boer (Geige) und Nadja Radke (Bass), die auf nachgebauten Weltkriegsinstrumenten spielen werden.
Tickets 18 Euro (bis 15 Jahre frei) an der AK und online unter www.kevelaer-marketing.de (Ticketshop).



