Adlerauge

„Wo Schatz? Wo denn?“ Schatz hatte mal wieder was entdeckt, was sich außerhalb meines Wahrnehmungshorizonts befand. Wie oft ist es schon passiert, dass er völlig entrückt in eine Richtung zeigte und begeistert verkündete, was seine Augen (obwohl auch nicht mehr taufrisch) erspäht hatten.
Egal, ob ein Reh oder ein Eisvogel – er sieht´s und ich krieg nichts mit. Das sind die Momente, in denen ich mich frage: „Bin ich blind oder doof?“ Dabei gibt Schatz sich wirklich alle erdenkliche Mühe, mir auch die Möglichkeit einer besonderen Entdeckung aufzuzeigen. Aber egal, ob ich nun seinem ausgestreckten Zeigefinger oder seiner Beschreibung „Da oben hinter dem vierten Baum rechts – 12 Uhr“ folge, ich seh´ meistens nix.
So verpasse ich manchen erfreulichen Moment. Denn welches Tier verweilt schon so lange an einer Stelle, bis ich es wahrnehmen kann? Wie Schatz es immer wieder schafft, während der Fahrt mit dem Rad, noch dazu mit dem Hund an der Leine, etwas Spektakuläres zu schauen, ist mir ein Rätsel. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Schatz zu glauben, was er mir da erzählt. Denn mit Beweisfotos wird es meistens nix, auch wenn mein Liebster die Kamera immer dabei hat. Entweder dauert die Einstellerei zu lange oder er hat nicht das richtige Objektiv dabei. Ich muss zugeben, dass da ein klein wenig Schadenfreude aufkommt.
Allerdings konnte ich im letzten Urlaub einige Erfolgserlebnisse für mich verbuchen. Ich entdeckte ein Reh in einem Garten – ein lebendiges wohlgemerkt – und einen Fuchs auf der Wiese. Endlich konnte auch ich einmal rufen: „Da guck´ mal!“ Ich hatte mal etwas zuerst gesehen, an dem Reh war Schatz sogar achtlos vorbeigefahren. Stolz wie Oskar war ich in diesen Momenten.
Christel Hundertmarck